Blog is Where the Heart is

Aus thegap Magazin, Juli 2011

Musikblogs in näherer Betrachtung: das Dilemma zwischen Idealismus und finanzieller Erfolg, Liebe und Business.

Der Begriff „Blog“ ist ein zusammengesetztes Wort aus „Web“ und „Log“, eine Art persönliches und öffentliches Tagebuch im Internet. Am Anfang des Jahres 1999 gab es weltweit gerade 23 Blogs. Als Pitas.com, der erste „Bau-dir-dein-eigenes-Blog“-Service, im Summer 1999 online ging, explodierte die Anzahl der Blogs. Dieser Service ist völlig kostenfrei und vor allem einfach. Bis Dezember 2007 konnte der Blog-Aggregator, Technorati, mehr als 112 Millionen Blogs weltweit aufweisen.

Der Blog gibt dem bisher passiven Fernseh- und Radiopublikum die Möglichkeit, ihre Gedanken mit der ganzen Welt mitzuteilen und auszutauschen. Sie werden aktiv. Mit den HTML-fähigen „Journal-Style-blogs“ kann man nicht nur Texte, sondern auch Fotos, Musik und Videos veröffentlichen. Es gibt kaum Tabus. Alle Themen und Ideen können über Blogs vermittelt werden. Während manche Eltern Fotos ihrer Babies auf Blogs zeigen, veröffentlichen junge, chinesische Schriftsteller ihre Werken auf den Blogs und erregten Aufsehen bei westlichen Literaten. Susie Bubble dagegen sitzt in der ersten Reihe der wichtigsten Fashion-Shows der Welt, weil sie einen der angesagtesten Modeblogs (stylebubble.co.uk) macht. Unter den Top 100 der Technorati Blog-Liste, also der beliebtesten Blogs weltweit, werden vor allem Themen aus der Politik, Technologie, Stars und Celebrities, Computerspiele und Sport angeführt. Das Musikblog dagegen ist die neue Hoffnung der Musikindustrie – speziell für die Indielabels, unabhängige Musiker und Produzenten. Sie erhalten durch die neue dezentralisierte Infrastruktur neue Möglichkeiten, ohne hohe Promotionskosten, ihre Musik weltweit verbreiten zu können. Die Experten sprechen oft von der Rückkehr der Rock `n´ Roll Revolution durch die Digitalisierung.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, befragte ich drei Musikblog-Experten – Brandon und Cigi von Kunk und PD Williams von Trash Menagerie. Um eine andere Sichtweise zu erhalten, befragte ich zusätzlich einen Musiker, der seine Bekanntheit ausschließlich im Internet aufgebaut hat – Justin Faust aus Deutschland.

Die Idee des Musikbloggens leitet sich ursprünglich häufig von Undergroundparties her. Die meisten Blogger sind selbst DJs und Veranstalter. Musikblogs dienten zunächst dazu Parties zu promoten, unterstützen und zu begleiten. Im Laufe der Zeit entwickelt sich das Blog oft zu einem eigenständigen Medium, wo Visionen der Blogger vermittelt werden. Musikerinterviews, Party-Reviews oder -Previews werden vorgestellt und gratis MP3s für einen begrenzten Zeitraum zum Download angeboten. Durch das Aufkommen der Hype Machine, eine Art „Filter-Style-Blog“, im Jahr 2005 wurde das Suchen der Musik auf den unzähligen Blogs sehr vereinfacht. Die Musik für Blogs suchen sich die Blogger direkt aus dem Netz und bewerten diese vor allem durch den persönlichen Geschmack. Die Blogger von Kunk versuchen zum Beispiel stets aktuelle Musik zu präsentieren. Sie wollen sich nicht auf den Nischenstil beschränken. Natürlich ist es am wichtigsten, erklärt PD Williams, dass die Musik freigegeben ist, dass sie also nicht gegen den Willen eines Labels oder Künstlers ins Netz gelangt und das Urheberrecht nicht verletzt.

BlogkunkTrash Menagerie
Interview mitBrandon (US), Cigi (Ungarn)PD Williams (Schweiz)
Blog-Sitemykunk.comtrashmenagerie.com
Besucher im Monatca. 30.000ca. 50.000
GründerBrandon (US), Cigi (Ungarn)Lovestar, Local Hero, Audio Pimpstress (US)
GründungszeitFrühjahr 2007Frühjahr 2007
Party-Reihekunk Party in Budapestmykunk.comCaravan Disco in St. Gallen (PD Williams)/pdwilliamsmusic

Free Music for Promotion

Bekannte Blogger werden mittlerweile häufig mit Anfragen überhäuft. Viele Musiker oder Produzenten senden ihre Hörproben per Email oder auch zunehmend via SoundCloud.Bei Kunk strömen pro Monat rund 2.500 Emails herein. Während Musikmanager es vermeiden, Blogs zu kontaktieren, gibt es einige Promo-Agenturen, die stets versuchen, ihre Künstler bei den Blogs unterzubringen. Kunk bemerkte die Relevanz der Blog-Promotion im Laufe der Zeit. Aus den früher CC-angehängten Massenmails wurden persönlich adressierte Anfragen. Während kleine Indielabels für gewöhnlich kooperativ und dankbar für die Blog-Einträge sind, verweigern größere Labels, MP3s zur Verfügung zu stellen, denn aus ihrer Sicht gehört Musik-Blogging immer noch zur Kategorie Musikpiraterie. Zehn Jahre nach dem Napster-Skandal wird Music-Sharing vielfach immer noch nur unter dem Aspekt der Urheberrechtsverletzung betrachtet. Anstatt Music-Sharing im Internet als neuartigen Markt zu betrachten, konzentrieren sich die großen Plattenfirmen hauptsächlich auf die harte Bestrafung einzelner Personen.

Doch sind die Blogs nun fähig, als ein unabhängiges Medienunternehmen tätig zu sein und Musik abseits des Mainstreams zu unterstützen? Trotz hoher Besucherzahl kann weder ein Blog wie Kunk noch Trash Menagerie allein von Webbannern leben. Musikbloggen ist immer noch Hobby, ihre Finanzierung kommt von der Privatkassa der Blogger. Doch beide Blogs geben zu, dass es nicht unmöglich wäre, davon zu leben, wenn man professioneller arbeiten und auf ein größeres Publikum abzielt würde. PD Williams legt Wert auf ein gutes Konzept, dass die Bedürfnisse der Musikindustrie und der Leser/User geschickt verbindet. Letztlich wird sich aber auch da die Frage stellen, in welche Richtung sich das bewegen soll und wie weit man von seinem eigenen Geschmack abweichen will, um mehr Leute zu erreichen.

Das dürfte so etwas wie die Gretchenfrage der Blogger sein. Mit der Relevanz der Musikblogs kommen somit auch Angebote über bezahlte Einträge. „Payola für Blogs“ steht nicht im Sinne der meisten Blogs. Allerdings kann es vorkommen, wenn manche Blogger ihre Kontakte zur Musikindustrie ausnutzen wollen. Obwohl Cigi und Brandon Verständnis für Blogs, die Bezahlung akzeptieren, zeigen, glauben die beide jedoch, wenn Payola wieder an die Öffentlichkeit gelangt, so wird der Ruf der Musikblogs in den Schmutz gezogen. Es ist wichtig, dabei ehrlich zu sein und „aus dem Herzen“ zu bloggen.

Vielfältige Bloglandschaft

Ein Musikblog ist mittlerweile zu einem wichtigen Promotionstool der Musikindustrie geworden. PD Williams bemerkt, wenn man genau hinschaut, erkennt man auch, dass die Musikindustrie sich die Arbeitsweise der Blogs zu Eigen gemacht hat und inzwischen auch eigene Blogs führt. Da die Industrie sich aber – unter anderem wegen der Blogs, vor allem aus Gründen, die mit veränderter Mediennutzung zusammenhängen – selbst verändert hat, ist es schwierig die beiden Seiten überhaupt zu trennen.

Einige kleine Labels sind beispielsweise nur durch Blogs groß geworden. Beliebte und wichtige Blogs, wie DiscobelleBig StereoOhh Crapp, z.B., haben eigene Labels gegründet. Im Web sind viele so stark vernetzt, dass man das sehr differenziert anschauen muss. Die genauen Zusammenhänge zwischen einzelnen Blog-Einträgen und Erfolg von Musikern kann man nur schwer erkennen. Allerdings ist es ersichtlich, wie Musiker durch Präsenz in den Blogs größere Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Viele Musiker, die in den Blogs groß geworden sind, verdienen allerdings mit Auftritten mehr Geld als mit dem Verkauf von Musik.

Ein Beispiel für eine erfolgreiche Blog-Karriere ist Grum, ein junger Engländer, dessen Remixes für relativ kleine Bands zunächst in den Blogs herumgereicht wurden. Später kamen Remixes für bekanntere Künstler dazu und sehr gute eigene Tracks. Inzwischen bekommt Grum Remix-Aufträge für Musiker, die im Mainstream anzusiedeln sind (z.B. Lady Gaga) und ist auf Monate hinaus für DJ-Sets auf der ganzen Welt ausgebucht. Er kann nun problemlos von der Musik leben. Ein anderer Blog-Erfolg ist das Valerie Collective aus Frankreich mit AnoraakRuss ChimesMinitel Rose und College. Ohne vor zu geben sie entdeckt zu haben, war Kunk unter den ersten Supportern von Valerie.

Ein weiteres Beispiel für Blog-Erfolg ist Justin Faust. Seit Mitte 2008 trat der Münchner mit dem Pseudonym „Justin Faust“ im Internet auf. Sein erster Blog-Eintrag war bereits am 1. September desselben Jahres auf Discodust. Mittlerweile wurde er auf mehr als 50 Blogs gefeatured und seine Musik wurde über 100.000 Mal kostenfrei downgeloaded. Mit Blog-Promotion als sein singuläres Marketingtool merkt Justin Faust die rasante Steigerung seines Bekanntheitsgrads. Die Besuche auf seiner Myspace steigen, die Aktivitäten auf Facebook und Twitter verstärken und die Musik ist sozusagen „in der Welt“. Durch die Blog-Promotion hat Justin Faust viele internationale Gigs (New York, Göteborg, Warschau, Wien, St. Gallen, Budapest) bekommen und eine Booking-Agentur für die USA gefunden. Er wurde außerdem von dem Label Discotexas gesigned. Justin Faust zeigt Zufriedenheit, denn für jeden Musiker ist es schon ein Erfolg, wenn die eigene Musik irgendwo ankommt, auf einer Party von DJs gespielt wird oder auf den iPods der Leute landet. Und Blogs helfen da natürlich immens dabei.

KünstlerHerkunftHomepage
Justin FaustDeutschlandmyspace.com/justinfaustmusic
GRUMEnglandmyspace.com/grummmusic
Valerie CollectiveFrankreichvaleriecollective.com

Land Of The Free

Die Conclusio: Die Aussagen der Blogger und des Blog-Musikers zeigen die großen Potenziale der Musikblogs als Kommunikationsmedium der Musikindustrie. Zehn Jahre nach Napster befindet sich die Musikindustrie immer noch im tiefen Trauma der illegalen Downloads und übersieht die neuen Chancen des Internets. Musikblogs verfügen nicht nur über Knowhow bezüglich aktueller Sounds abseits des Musikmainstreams, sie weisen auch wirtschaftliches Potenzial auf. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis sich die Musikblogs zu professionellen „Musikmedienunternehmen“ entwickeln. Ungleich zum Radio und Fernsehen, die ihr Publikum nach territorialen Grenzen aufteilen, vereinen Blogs Menschen aus aller Welt. Das Herzblut und der Idealismus, den die Blogger in ihre Projekte stecken, sind ebenso grenzenlos wie die Möglichkeiten der Prosperität der Blog-Welt.

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