Ein Freund machte mich vor ein paar Tagen auf eine Veranstaltung im Burgenland aufmerksam: Sido, live im P2 Matters in Mattersburg. Tausend Tattoos, Sidos erste Single aus dem neuen Album Kronjuwelen, war in den letzten 5 Wochen unverändert die Top 1 der A1 Xplore Music Single Charts und dieser Trend scheint sich auch nicht zu verändern. Das macht mich natürlich neugierig darauf, den allerersten erfolgreichen Deutsch-Ghetto-Rapper einmal live zu erleben.

Nach einer 45-minütigen Autofahrt aus Wien erreichten wir das Ziel im Schneesturm. P2 Matters, gerade Ende September 2018 eröffnet, bietet eine spektakuläre Lichtinstallation: hinter dem DJ-Pult wurde eine 20 Quadratmeter HD-LED-Videowall montiert, diese wird gemeinsam mit einer kleineren LED Wall vor dem DJ Pult über Computer gesteuert. Der DJ BIPO gab sein Bestes, um das junge Publikum zum Tanzen zu motivieren. Er spielte eine Mischung aus Pop, Hiphop, Elektro und House Musik der letzten zwei Dekaden, jedoch etwas am Thema vorbei: die jungen Sido Fans fühlten sich von der Musik nicht angesprochen und warteten mit Geduld bei den VIP Tischen.

VIDEO: Eine kleine Unterbrechung gab es als Sido einen Blumenverkäufer in der Menge entdeckt hat. Bild: © P2 Matters Facebook

Der Weihnachtsmann erscheint

Endlich, kurz nach zwei Uhr früh betrat Sido in Adidas Trainingsanzug und Sonnenbrille die Bühne. Er legte gleich los mit Fuffies im Club. Ich war schockiert: „Ist das Sido, oder doch ein Weihnachtsmann, der seine Mütze vergessen hat?“. Der mittlerweile 38-jährige Sido trug einen langen, grauen Bart, der wirklich einem Weihnachtsmann gleicht. Er lachte über sich selbst und erzählte dem Publikum: „Immer wenn ich nach Hause komme, sagt meine Familie der Gandalf ist wieder da!’“ Sido ist eventuell wirklich ein Weihnachtsmann, da seine Weihnachtsshows in der Columbiahalle in Berlin drei Tage hintereinander ausverkauft sind. Umso beeindruckender war es für mich, ihn nur etwa 2 Meter von mir entfernt in einem Club zu sehen.

Die Geburt des Deutsch-Ghetto-Rap

Sidos Kindheit war geprägt von der Armut und Rastlosigkeit. Er war stets umgeben von verzweifelten Menschen. Er ist der Sohn einer Sintiza und eines Deutschen und wächst mit seiner jüngeren Schwester bei der Mutter im Märkischen Viertel in Berlin auf. Anders als Rapper Kool Savas, der sich inhaltlich auf Hiphop-Kultur und Battle-Rap konzentrierte und seine Chartserfolge früher als Sido erzielen konnte, verarbeitet Sido seine Erfahrung als Immigrant zweiter Generation in seiner Musik. In Mein Block beschreibt Sido das Leben im Märkischen Viertel: „Doch im MV scheint Dir die Sonne aus’m Arsch, in meinem Block weiß es jeder, wir sind Stars!“ Mein Block war die erste erfolgreiche Single seines Albumdebuts Maske und blieb wochenlang in den Verkauftscharts sowohl in Deutschland als auch in Österreich. Aus diesem Grund können wir behaupten, dass der Deutsch-Ghetto-Rap in 2004 im Mainstream angekommen war.

Sido der Entertainer

„Wer von euch wird morgen eine Kuh melken?“ fragte Sido das Publikum im P2 Matters. Stille. „Macht nichts. Aber ihr kennt ganz bestimmt Andreas Gabalier?!“ Das Publikum tobte. Sido sang gleich zweimal mit voller Motivation: „I sing a Liad für di und daun frogst du mi, mogst mid mir daunzn gehn i glaub i steh auf di!“ Mit Österreich hat Sido eine besondere Verbindung. Nachdem er 2005 seine Maske abgelegt hat, mischte er in zahlreichen TV-Unterhaltungsprogrammen auf. Für den ORF war Sido seit Ende 2010 als Juror in diversen Castingshows tätig, so war er Mitglied der Jury von Helden von morgen und in der Talentshow Die große Chance.

Old School vs. New School

Das junge Publikum fiel Sido auf: „Kennt ihr überhaupt meine Musik? Da seid ihr doch erst geboren?“ Sido lag falsch, die jungen Leute konnten bei jedem Lied mit größter Euphorie mitsingen. Noch etwas unsicher fragte Sido: „Ist es euch lieber, wenn Capital Bra hier wäre?“ Das Publikum tobte. Capital Bra, unter den Fittichen von Bushido, ist der neue Shootingstar des Deutsch-Rap. Den Generationenunterschied sieht man v.a. in der Anzahl der Instagram-Followers. Capi: 2,3M, Sido: 355K. Capital Bra weiß genau, wie man Aufmerksamkeit durch Social Media erlangen kann. Er veröffentlicht gefühlt jede Woche ein neues Musikvideo. Das Videomaterial wurde großteils aus seinen Instastories und Smartphone-Speichern entnommen. Egal ob es um das Beef mit Fler oder die Spaltung seiner Persönlichkeit geht, die Schnelligkeit, Quantität und direkte Kommunikation sind Capital Bras Erfolgsfaktoren. Auf A1 Xplore Music sind zwei Alben von Capital Bra unter den Top 3 der meist gestreamten Alben 2018.

Sido der Erzieher

Eine kleine Unterbrechung gab es als Sido einen Blumenverkäufer in der Menge entdeckt hat. Er rief den dunkelhäutigen Mann auf die Bühne und wollte alle seine Rosen kaufen. Großzügig zog er einen Fünfhundert Euro Schein aus der Tasche und gab ihn dem Verkäufer. Mit einem großen Strauß Rosen in der Hand appellierte Sido an die jungen Menschen, Leute wie diesen Blumenverkäufer zu akzeptieren. Denn er arbeitet für sein Geld und macht keine kriminellen Sachen. Ich war mir nicht sicher: war es eine Selbstreflektion von Sido auf seine Jugendzeit oder doch eine erzieherische Mission seinerseits? Vielleicht beides? Anschließend verteilte er die Rosen an das Publikum. Ich konnte eine direkt aus seiner Hand nehmen.

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